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Mohr (durchgestrichen) mit Mineralien (durchgestrichen)

Eine Intervention mit Rohmaterial

 

Einführung zur Intervention

von Kerstin Flasche  

 

 

Die Figur mit Smaragdstufe ist eines der bekanntesten Ausstellungsstückein der historischen Sammlung des GrünenGewölbes in Dresden. Eine hölzerne, mit Goldschmiedearbeiten und Schmucksteinen verzierte Figur präsentiert auf einem Schildpatt-Tablett eine der wertvollsten Gesteinsstufen ihrer Zeit: eine Smaragdstufe, die 1581 als Geschenk in den Besitz des sächsischen Kurfürsten August gelangte.

Nun wird die Smaragdstufe von dem Leipziger Künstler Bertram Haude temporär durch eine neue Stufe ersetzt, bestückt mit sogenannten anthropogenen Substanzen. Anthropogen bedeutet, dass die Entstehungsgeschichten dieser Substanzen aufs Engste mit menschlichem Wirken im Geosystem verwoben sind. Zumeist handelt es sich um unbeabsichtigte Ergebnisse menschlicher Aktivitäten im Bergbau, während andere sogar industriell produziertwerden.

 

Chemisch gesehen sind diese anthropogenen SubstanzenMineralien. Trotzdem dürfen sie nicht so heißen, dennin der Mineralogie gilt das Kriterium, dass Mineralien „aufnatürlichem Wege“ entstehen. Das macht die hier gezeigtenFundstücke, die im Folgenden als Mineralien (durchgestrichen) markiert werden, zu einem zeitgenössischen Kuriosum – und das Kuriose findet in den Sammlungen des Grünen Gewölbes Dresden bekanntlich seinen Platz. Ebenso wie verkieselte Korallen, die, zwischen Pflanzen-, Tier- und Steinreich vermittelnd, in keiner Wunderkammer fehlen durften, sind auch diese Mineralien(durchgestrichen) Grenzgänger, die uns die Unmöglichkeit klarer, unanfechtbarer Kategorisierungen vor Augen führen. Sie sind weder nur „natürlich“ noch vollkommen „künstlich“.

 

Aber was sind heute noch „natürliche Wege“? Wo hört die „Natur“ auf, die wir meinen endgültig in Setzkästen klassifiziert und konserviert zu haben? Ergibt es wirklich Sinn, die Zäsur beim menschlichen Eingriff zu setzen? Oder ist es umso mehr Zeit, das Anthropozän, die neue Erdepoche, auszurufen, die das globale menschliche Wirken als prägendsten Gestaltungsfaktor unseres Planeten beschreibt? Auf dem Tablett begegnen wir nun materiellen Zeugnissen der gewaltigen Beeinflussung des Erdsystems durch die menschliche Spezies. Doch darüber hinaus begegnen wir einer Geschichte, die ebenfalls menschengemacht ist: der Wissenschaft, die eine klare Trennung von „Natur“ und „Kul-tur“, von „natürlich“ und „künstlich“ zugrunde legt, während der Mensch paradoxerweise als natürliches Wesen und gleichzeitig als (alleiniger) Hervorbringer von Kultur gilt. Diese Mineralien(durchgestrichen) fordern Wissenschaftsparadigmen heraus. Sie rütteln an unerschütterlich geglaubten Ordnungen, an Eindeutigkeit und Trennbarkeit.

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Die Prunk- und Schatzkammer des Grünen Gewölbes ist mit der Geschichte des Kolonialismus verzahnt. Aus postkolonialer Perspektive ist die Provenienz der originalen Smaragdstufe aus kolumbianischen Smaragdminen, die während spanischer Eroberungskriege um 1537 erschlossen wurden, problematisch. Und auch die Trägerfigur ist, nicht nur aufgrund ihrer Betitelung, sondern vor allem aufgrund rätselhafter Unstimmigkeiten zu einem viel diskutierten Untersuchungsgegenstand der zeitgenössischen Ethnologie geworden. Sie scheint aus einem Potpourri von Merkmalen angelegt worden zu sein, die aus europäischer Perspektive als „fremd“ und „exotisch“ galten – dunkle Hautfarbe, als „afrikanisch“ gelesene Physiognomie, Tätowierungen sowie Schmuckstücke, die hingegen als Repräsentationsformen indigener Kulturen Nordamerikas gedeutet wurden. Geradezu eklektizistisch kulminieren diese schablonenhaften Merkmale in einer Figur, die so zur Typenfigur der „Andersartigkeit“ in der Sammlung eines europäischenFürsten wird. Das Exponat ist von kolonialherrschaftlichen Mechanismen durchdrungen – die Trägerfigur, wie auch die Smaragdstufe.

 

Mit seinem künstlerischen Eingriff, der Auslage winzig kleiner Kristalle, legt Bertram Haude gezielt den Finger in die Wunde, denn er versieht das Exponat mit noch einer weiteren kolonialen Dimension: der geologischen – sind die anthropogenen Mineralien doch die Produkte globaler, geologischer Kolonialisierung.

 

Künstlerische Interventionen in Sammlungspräsentationen ermöglichen eine kritische Kontextualisierung von Artefakten in zeitgenössischen Diskursen. Erstmals in der Geschichte des Exponats werden postkoloniale Fragestellungen jedoch nicht über ethnologische Zugänge – mit Blick auf die Figur – anvisiert, sondern über geologische – mit Blick auf das mineralische und mineralische(durchgestrichen) „Rohmaterial“.

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